Ein glänzender Mittelklasse-SUV steht in einer modernen Logistikhalle mit Stapeln von Kartons und einem Laptop auf einem

Amazon bereitet den Einstieg in den britischen Online-Autohandel vor und nutzt dabei das in den USA entwickelte “Amazon Autos”-Modell als Leitfaden für eine mögliche Expansion nach Europa. Gleichzeitig reagieren die etablierten Plattformen Auto Trader, Mobile.de und AutoScout24 mit eigenen Strategien, um ihre Marktposition zu sichern. Dieser Artikel beleuchtet die strategischen Schritte, die finanziellen Kennzahlen und die kartellrechtlichen Rahmenbedingungen, die den Wandel im europäischen Kfz-Vertrieb prägen.

US-Blaupause: Das “Amazon Autos”-Modell als Vorlage für Europa

Im Herbst 2024 startete Amazon in den USA gemeinsam mit Hyundai die Plattform “Amazon Autos”. Kunden können das Fahrzeug komplett digital konfigurieren, finanzieren und kaufen – der Checkout erfolgt im bekannten Amazon-Warenspeicher. Laut dem Artikel von Digital Commerce 360 (2024) wird die Auslieferung, das Servicegeschäft und die Inzahlungnahme von autorisierten lokalen Hyundai-Händlern übernommen. Das US-Netzwerk umfasst mehr als 1.000 Vertragshändler bis 2025 und deckt 48-54 Ballungsräume ab.

  • Städteabdeckung bei Launch: 48-54 Ballungsräume (2024)
  • Vertragshändler im US-Netzwerk: > 1.000 (2025)
  • Modell: Digitale Schaufenster- und Checkout-Plattform, physische Händler übernehmen Lieferung und Service

Wie ein interner Hinweis erklärt: “Amazon tritt nicht als Zwischenhändler ohne physisches Netz auf, sondern bindet bestehende Händlernetze ein – was den europäischen Expansionsansatz greifbar macht.”

Großbritannien als Testmarkt für Amazons Online-Autohandel

Der britische Markt gilt als überschaubar, technologieaffin und damit als geeigneter Einstiegspunkt für Amazons europäische Expansion. Amazon sucht dort einen Key Account Manager, um Händlerpartnerschaften aufzubauen und das Plattformgeschäft zu entwickeln (Merkur.de, 31.10.2026). Die Größe des Marktes wird durch die Dominanz von Auto Trader UK unterstrichen: Im Jahr 2024 hält das Unternehmen 75 % der Verweildauer auf britischen Kfz-Portalen und erwirtschaftet im Geschäftsjahr 2024/2025 einen Umsatz von 601,1 Mio. GBP bei einer operativen Kernmarge von rund 70 % (Auto Trader Group plc, 2025).

“Wir sehen Amazon und andere Big-Tech-Plattformen als wachsende Wettbewerbsbedrohung im digitalen Kfz-Handel”, heißt es in den Geschäfts- und Risikoberichten von Auto Trader UK.

Der britische Markt wird damit zum strategischen Testfeld, in dem Amazon seine US-Erfahrungen adaptieren und gleichzeitig lokale Händlernetze einbinden will.

Reaktionen etablierter Plattformen in Großbritannien

Auto Trader UK warnt seine Anleger bereits ausdrücklich vor den Vorstößen von Big-Tech-Konzernen. In den offiziellen Risikoberichten wird Amazon als entscheidendes Marktrisiko benannt. Die Finanzkennzahlen belegen die Verwundbarkeit: Mit einer operativen Marge von 70 % im Kerngeschäft können niedrigerpreisige Wettbewerber mit breiter Kundenbasis das Einnahmemodell von Auto Trader erheblich unter Druck setzen.

Der britische Vorstoß hat zudem eine politische Dimension: Die mögliche Präsenz eines US-Konzerns mit hoher Marktmacht löst Diskussionen über die zukünftige Struktur des europäischen Online-Autohandels aus.

Kartellrechtlicher Hintergrund der Carwow-Übernahme durch Mobile.de

Am 8. Oktober 2026 genehmigte das Bundeskartellamt die Übernahme des Deutschlandgeschäfts von Carwow durch die Mobile.de-Mutter Oak Germany Buyer GmbH, ohne Auflagen. Kartellamtspräsident Andreas Mundt begründete die Freigabe mit komplementären Geschäftsmodellen: Mobile.de dominiere den Gebrauchtwagenmarkt, während Carwow sich auf die Konfiguration von Neuwagen konzentriere.

“Die Kernbereiche überschneiden sich kaum: Mobile.de fokussiert sich auf Gebrauchtwagen, Carwow dagegen auf die Vermittlung und Konfiguration von Neuwagen”, erklärte Andreas Mundt (Bundeskartellamt, 2026).

Der Prüfzeitraum des Fusionskontrollverfahrens betrug einen Monat (Aktenzeichen B11-88/26).

Deutsche Plattformen bereiten sich auf den Wettbewerb vor

In Deutschland reagieren Mobile.de und AutoScout24 mit eigenen strategischen Schritten. Mobile.de erhielt das grüne Licht zur Carwow-Übernahme, wodurch das Unternehmen sein Angebot im Neuwagensegment stärkt. Laut VAD-Präsident Burkhard Weller beliefert Mobile.de über 70 % der Leads der deutschen Händler – ein klares Zeichen für die Abhängigkeit vom Plattform-Ökosystem.

AutoScout24, nun unter der Holding Autonex, setzt verstärkt auf Künstliche Intelligenz. Im Jahr 2026 generiert das Unternehmen bereits 20 % seiner Leads über KI-gestützte Empfehlungssysteme, berichtet der Autonex-Finanzchef Coram Williams.

“Durch KI-gestützte Fahrzeugempfehlungen können wir die Qualität der Leads deutlich erhöhen”, erklärte Coram Williams (oe24.at, 2026).

Beide Plattformen betonen, dass die Einführung von Amazon als neuer Akteur den Preisdruck erhöhen und potenziell zu verbesserten Konditionen für Autohäuser führen könnte.

Chancen und Risiken für Autohändler

Der Eintritt von Amazon bringt sowohl Potenziale als auch Herausforderungen mit sich. Auf der einen Seite bietet die Plattform eine enorme Reichweite und digitale Infrastruktur, die die Kundenakquise vereinfachen könnte. Auf der anderen Seite besteht das Risiko erhöhter Listungsgebühren, die bereits bei bestehenden Portalen zu Margendruck führen.

  • Komplexität des Autoverkaufs: Inzahlungnahme, Zulassung und Probefahrt erfordern physische Präsenz, die reine Online-Player ohne lokale Händlerverträge schwer skalieren können.
  • Plattformgebühren vs. Margendruck: Zusätzliche Gebühren könnten die ohnehin schmalen Händlermargen weiter reduzieren.

Für Händler wird entscheidend sein, ob Amazon günstigere Konditionen oder eine höhere Lead-Qualität bereitstellt. Der aktuelle Trend, dass etablierte Plattformen wie Mobile.de den Preisdruck durch einen neuen Rivalen begrüßen, könnte zu einer insgesamt wettbewerbsfreundlicheren Preisgestaltung führen.

Schnellüberblick:

Wie funktioniert Amazons Modell für den Autoverkauf konkret?

Amazon agiert primär als digitaler Schaufenster- und Checkout-Kanal: Kundinnen und Kunden suchen Lagerfahrzeuge, konfigurieren Finanzierungen und unterschreiben Verträge online, während Übergabe, Probefahrt und Inzahlungnahme über lokale Vertragshändler laufen.

Warum genehmigte das Bundeskartellamt den Zukauf von Carwow durch Mobile.de trotz Marktdominanz?

Laut Kartellamtspräsident Andreas Mundt überschneiden sich die Kernbereiche kaum: Mobile.de fokussiert sich auf Gebrauchtwagenbörsen, Carwow dagegen auf die Vermittlung und Konfiguration von Neuwagen.

Welche Rolle spielt die neu gegründete Autonex-Holding für AutoScout24?

Unter dem Dach von Autonex bündelt die Scout-Gruppe europäische Plattformen und setzt auf skalierbare KI-Tools, um Anfragen vorzuqualifizieren und den paneuropäischen B2B-Fahrzeugaustausch zwischen Händlern auszubauen.

Quellen

Von Fabian Roth

Fabian ist Spezialist für Online-Werbung und Performance-Marketing. Er beschäftigt sich mit Google Ads, Meta Ads und Conversion Funnels und zeigt, wie man Werbebudgets effektiv einsetzt.