Die Otto Group kombiniert mit dem Start-up Sereact KI-gesteuerte Roboter, um die wachsende Belastung durch Retouren im europäischen Onlinehandel zu bewältigen. In einem ersten Pilotprojekt in Polen kommen zehn zweihändige Physical-AI-Roboter zum Einsatz, die bis 2026 auf bis zu 25 Systeme skalieren sollen. Das Projekt ist Teil eines mittelfristigen Investitionsvolumens von 350 Millionen Euro für Technologie und künstliche Intelligenz – ein deutliches Signal, dass die Rücksendung von Textilien künftig nicht mehr ausschließlich manuell abgewickelt wird.
Ökonomischer Druck durch das Retourenaufkommen in Deutschland
Retouren stellen für den Onlinehandel einen enormen Kostenblock dar. Die folgenden Kennzahlen verdeutlichen die Dringlichkeit:
- Retourenpaketaufkommen 2026: 560 Millionen Pakete (Universität Bamberg)
- B2C-Retourenquote 2026: 24,2 % aller Bestellungen (Forschungsgruppe Retourenmanagement)
- Fashion-Händler mit > 20 % Retourenquote: 67,8 % (EHI-Studie)
- Bearbeitungskosten je Retourenartikel: bis zu 10 Euro (EHI-Erhebung, über 53 % der befragten Händler)
Wie die Universität Bamberg feststellt, “steuert der Onlinehandel …”. Dieser massive Aufwand frisst die Margen der Händler, weshalb Investitionen in Automatisierung unverzichtbar werden.
KI-Robotik als technische Lösung
Die Kooperation setzt auf das KI-Modell Cortex, das kein produktspezifisches Anlernen einzelner Artikel benötigt. Das System kann Erfahrungen mit bereits bearbeiteten Produkten auf bislang unbekannte Objekte übertragen.
Roboter sollen auch unbekannte Artikel bearbeiten
Dank Physical-AI-Technologie können die Roboter flexibel auf variierende Zustände von zurückgesandten Textilien reagieren – von zerknitterten Stoffen bis zu ungeordneten Stapeln. Das Modell Cortex entscheidet in Echtzeit, wie ein Artikel gegriffen, beurteilt und weitergeleitet wird, ohne dass für jede neue Kollektion ein separates Training nötig ist.
Der technologische Kern basiert auf Nvidias Physical-AI-Infrastruktur (Isaac Sim, Isaac Lab, Cosmos-Weltmodelle). Hier werden virtuelle Szenarien erzeugt, die unterschiedliche Verpackungen, Materialien und Lichtverhältnisse simulieren. Neue Steuerungsmodelle können nach wenigen Tagen, nicht Wochen, via Over-the-Air-Update ausgerollt.
Das Projekt ist Teil des mittelfristigen 350-Millionen-Euro-Investitionspakets der Otto Group in Technologie und KI. “Die Otto Group erwirbt die Robotiksysteme nicht im klassischen Sinne, sondern bezieht sie im ‘Robotics-as-a-Service’ (RaaS)-Modell von Sereact”, heißt es in der offiziellen Mitteilung.
Robotics-as-a-Service – Geschäftsmodell und Vorteile
Im RaaS-Modell zahlt Otto für die Bereitstellung, den Betrieb und die Wartung der Roboter. Der Hersteller Sereact übernimmt das gesamte Lifecycle-Management, wodurch hohe Anfangsinvestitionen (CapEx) vermieden werden.
- Konstante Service-Fixkosten statt hoher Einmal-CapEx
- Kontinuierliche Software- und KI-Updates inkl. Over-the-Air-Deployment
- Wartung und Ersatzteile durch den Anbieter, reduziert internen Aufwand
- Skalierbarkeit – von 10 Robotern in Phase 1 auf bis zu 25 in Phase 2
Pilotphase in Polen und geplante Skalierung
Der erste Einsatzort ist ein Logistikzentrum der Otto Group in Polen. Die geplante Flotte umfasst:
- Phase 1 (2026): 10 zweihändige Roboter
- Phase 2 (2026): optional weitere 15 Roboter, insgesamt bis zu 25 Systeme
Die Roboter greifen, beurteilen und leiten retournierte Artikel zur weiteren Bearbeitung. Das Ziel ist, die Zuverlässigkeit, Flexibilität und Qualität so zu steigern, dass ein breiterer Einsatz im gesamten Logistiknetzwerk realistisch wird.
Branchenweiter Trend – Parallele Pilotprojekte bei Wettbewerbern
Der Einsatz von Sereact beschränkt sich nicht auf Otto. Der Logistikdienstleister CEVA Logistics hat im Oktober 2026 angekündigt, die gleichen Cortex-Systeme für Zalando-Retouren an zwei Standorten zu integrieren: Greven (Deutschland) und Świebodzin (Polen). Das verdeutlicht, dass Physical-AI-Lösungen zur Standardtechnologie im europäischen E-Commerce-Umfeld werden.
Risiken und Gegenmaßnahmen
- Fehlinterpretationen bei textilen Beschädigungen und Flecken: Kamerasysteme stoßen bei feinen Rissen, verdeckten Flecken oder Geruchsspuren an biologische Sensorikgrenzen. Deshalb bleibt Personal für Endprüfungen nötig.
- Wirtschaftlichkeit bei schwankendem Sendungsvolumen: RaaS reduziert hohe Einmal-CapEx, führt jedoch zu fortlaufenden Service-Fixkosten, die in saisonalen Flauten (z. B. zwischen Black-Friday und Frühlingsgeschäft) kritisch werden können.
Schnellüberblick:
Warum war die Retourenabwicklung bislang kaum automatisierbar?
“Klassische Industrieroboter benötigen standardisierte, starre Objekte mit fester Lage. Zurückgeschickte Kleidung ist verknittert, weich, unterschiedlich gefaltet und stammt aus permanent wechselnden Kollektionen, was erst durch lernfähige Physical-AI-Modelle lösbar wird.”
Ersetzen die Roboter menschliche Arbeitskräfte in den Logistikzentren vollständig?
“Nein. Die Systeme übernehmen primär körperlich belastende und monotone Hebe- und Greifvorgänge. Beschäftigte wechseln in die Systemüberwachung, das Ausnahmemanagement und führen diffizilere Qualitätsentscheidungen durch.”
Was bedeutet das Robotics-as-a-Service-Modell in der Praxis?
“Otto kauft die Roboter nicht als Anlagevermögen, sondern zahlt für deren Bereitstellung und Funktion. Der Hersteller Sereact verantwortet Systemwartung, Softwareoptimierungen und Trainingsupdates kontinuierlich im laufenden Betrieb.”
Quellen
- https://sereact.ai/news/otto-group-returns-handling
- https://www.uni-bamberg.de/retourenforschung/
- https://www.ehi.org/presse/wieder-mehr-kostenlose-retouren/
- https://www.ottogroup.com/de/newsroom/stories/robotic-coordination-layer.php
- https://www.globenewswire.com/news-release/2026/10/07/sereact-zalando-ceva-logistics-returns

