Conrad Electronic erweitert seine B2B-Plattform um das sogenannte Single-Kreditor-Modell, das in der Praxis als „Alles auf einer Rechnung“ bezeichnet wird. Unternehmen können künftig sämtliche Marktplatz-Artikel über einen einzigen Vertragspartner beziehen, wodurch Prozess- und Lieferantenverwaltungskosten deutlich gesenkt werden. Das Modell richtet sich vor allem an den indirekten Einkauf, insbesondere an die Beschaffung von C-Teilen, die bislang unverhältnismäßig viel administrativen Aufwand verursachen.

Strukturelles Missverhältnis beim C-Teile-Aufwand (Tail-Spend)

Die sogenannte Tail-Spend-Beschaffung – vor allem C-Teile und Einmalbedarfe – bindet überproportional viele Ressourcen. Obwohl diese Artikel typischerweise nur rund fünf Prozent des gesamten Einkaufsvolumens ausmachen, verursachen sie bis zu 80 Prozent der operativen Bestell- und Verwaltungsvorgänge in Unternehmen.

  • Anteiliges Einkaufsvolumen: ca. 5 % (2025)
  • Anteiliges internes Prozesskostenvolumen: ca. 80 % (2025)

Erhebungen im C-Teile-Management belegen, dass MRO- und Gelegenheitsbedarfe den Großteil der administrativen Ressourcen binden.

Single-Kreditor-Modell: Funktionsweise und rechtliche Rahmenbedingungen

Im Single-Kreditor-Modell wird Conrad Electronic zum alleinigen Vertragspartner und Rechnungssteller für sämtliche Marktplatzartikel. Der rechtliche Übergang vom Vermittler- (Agent-) zum Wiederverkäufer- (Principal-) Modell bedeutet, dass Einkäufer nur noch einen einzigen Lieferanten auf Compliance, Sanktionslisten und Lieferkettensorgfaltspflichten prüfen müssen.

„Mit ‚Alles auf einer Rechnung‘ reduzieren wir die administrative Komplexität und machen so die Conrad Sourcing Platform für unsere Geschäftskunden deutlich einfacher nutzbar.“ – Ralf Bühler, CEO Conrad Electronic

Nach diesem Zitat folgt die zentrale Aussage, dass das Modell nicht nur die rechtliche Beziehung vereinheitlicht, sondern auch den Aufwand für das Lieferanten-Onboarding auf null reduziert: Keine Neuanlage im ERP-System für Marktplatz-Dritthändler ist mehr erforderlich (2026).

  • Einziger Kreditor für alle Bestellungen
  • Zentrale Rechnungstellung und Zahlungsabwicklung
  • Kompatibel mit E-Procurement-Schnittstellen (OCI, PunchOut, EDI)

Wirtschaftliche Vorteile: Kostenreduktion und Prozessoptimierung

Der BME-Benchmark 2025 zeigt, dass eine einzelne Bestellung in der indirekten Beschaffung durchschnittlich 121,75 € an internen Kosten verursacht – Kosten, die nicht für das Produkt, sondern für den Bestellvorgang anfallen.

  • Durchschnittliche interne Kosten je Bestellvorgang: 121,75 € (2025)
  • Reduzierung der Stammdaten- und Bonitätsprüfungsaufwände durch Konsolidierung
  • Wegfall von Maverick Buying und mehrfachen Kreditoren-Anlagen

Die Bündelung über einen einzigen Kreditor minimiert Aufwände für Stammdatenpflege, Bonitätsprüfungen und Maverick Buying drastisch, was insbesondere für Unternehmen mit strengen Einkaufsrichtlinien einen klaren finanziellen Hebel darstellt.

Compliance- und Haftungsaspekte im Reseller-Modell

Durch die Rechtsbeziehung als Wiederverkäufer verlagert sich die Haftung für Gewährleistungs- und Rechnungsansprüche auf Conrad Electronic. Für Einkäufer bedeutet das, dass nur ein einziger Lieferant auf Einhaltung von Compliance-Vorgaben, Sanktionslisten und das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) geprüft werden muss.

  • Lieferanten-Onboarding-Aufwand: 0 % (2026)
  • Zentrale Verantwortung für Gewährleistung und Zahlungsbedingungen
  • Vereinfachte Prüfung von Sanktionslisten und Lieferkettensorgfaltspflichten

Risiken und Gegenargumente

Obwohl das Modell zahlreiche Vorteile bietet, gibt es kritische Punkte, die Unternehmen berücksichtigen sollten:

  • Abhängigkeit von einem zentralen Aggregator: Unternehmen verzichten auf direkte Lieferantenbeziehungen und damit verbundene individuelle Konditions- und Skontoverhandlungen.
  • Mögliche Plattform-Margenaufschläge: Die Übernahme des Abrechnungs- und Ausfallrisikos durch Conrad kann sich in den Endpreisen niederschlagen.

Dennoch argumentieren Vertreter von Conrad, dass die drastisch sinkenden Gemeinkosten im Procure-to-Pay-Zyklus die eingeschränkten Verhandlungsspielräume mehr als ausgleichen.

Schnellüberblick:

Was unterscheidet das Modell von einem klassischen offenen Online-Marktplatz?

Auf offenen Plattformen schließen Kunden mit jedem Drittanbieter einen separaten Kaufvertrag ab und müssen diesen als Kreditor führen. Im 1-Kreditor-Modell von Conrad bleibt ausschließlich Conrad der rechtliche Vertragspartner und Rechnungssteller, unabhängig davon, welcher vorselektierte Partner die Ware physisch versendet.

Funktioniert ‚Alles auf einer Rechnung‘ auch über bestehende E-Procurement-Systeme?

Ja, die Konsolidierung greift kanalübergreifend sowohl im Standard-Onlineshop als auch bei Anbindungen über Schnittstellen wie OCI, PunchOut oder EDI an unternehmenseigene ERP-Systeme.

Quellen

Von Melanie Brandt

Melanie ist Content- und SEO-Spezialistin im E-Commerce. Sie zeigt, wie durch gezielte Inhalte und Keyword-Strategien nachhaltiger organischer Traffic aufgebaut werden kann.