Ein automatisierter Zuschnittroboter schneidet eine Wellpapphalbkarte in einem hellen Lager aus, daneben liegt ein

Der deutsche E-Commerce-Markt verarbeitet jährlich über 4 Milliarden Paketsendungen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Nachhaltigkeit und regulatorische Konformität. Die europäische Verpackungsverordnung (PPWR) verpflichtet Online-Händler, den Leerraum in Transport- und E-Commerce-Verpackungen bis 2030 auf maximal 50 % zu begrenzen. Unternehmen, die diesen Vorgaben frühzeitig begegnen, können nicht nur Sanktionen vermeiden, sondern auch erhebliche Kostenvorteile durch automatisierte, passgenaue Verpackungslösungen realisieren.

Hintergrund: Paketsendungsvolumen und Verpackungsabfälle in Deutschland

Der KEP-Markt (Kurier-Express-Paket) verzeichnet ein stetiges Wachstum. Laut einer Studie des Bundesverbands Paket und Expresslogistik (BPEX) lag das Sendungsvolumen 2024 bei 4,29 Mrd. Sendungen pro Jahr. Parallel dazu entsteht ein enormes Verpackungsaufkommen: Das Umweltbundesamt meldet für 2023 ein Abfallaufkommen von 7,9 Mio. t Papier, Pappe und Karton – die mit Abstand größte Fraktion im deutschen Verpackungsmüll.

Rechtliche Vorgaben: Verbindliche 50-%-Leerraumgrenze nach Artikel 24 der PPWR

Die Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) legt in Artikel 24 fest, dass E-Commerce- und Sammelverpackungen ab 2030 höchstens 50 % Leerraum aufweisen dürfen. Wichtig: Polstermaterialien wie Luftpolsterkissen, Packpapier, Schaumstoff oder Styroporchips werden rechtlich als Leerraum gezählt und reduzieren die Quote nicht. Wer also ein kleines Produkt in einem überdimensionierten Karton mit viel Füllmaterial verpackt, verstößt gegen die Verordnung.

  • Maximale zulässige Leerraumquote: 50 % (PPWR Art. 24, 2030)
  • Gilt für E-Commerce-, Transport- und Umverpackungen
  • Füll- und Polstermaterialien zählen voll zum Leervolumen

Wirtschaftliche Anreize: Kosten- und Effizienzpotenziale durch Right-Sized-Packaging

Studien des Bundesverbands Logistik (BVL) und des 4flow-Research-Teams zeigen, dass das durchschnittliche Leervolumen bei herkömmlichen Versandpaketen zwischen 30 % und 40 % liegt (2025). Durch automatisierte Zuschnitt- und On-Demand-Kartonierung lassen sich Material- und Handlingkosten um bis zu 50 % senken. Die Reduktion des Leerraums erhöht das verfügbare Volumengewicht im Lkw-Laderaum, senkt Frachtkosten und verbessert die CO₂-Bilanz, weil weniger Luft transportiert wird.

  • Durchschnittliche Empty-Space-Ratio: 30-40 % (BVL/4flow-Studie, 2025)
  • Kostensenkungspotenzial: bis zu 50 % der Verpackungs- und Materialkosten (2025)

Technologische Lösungen: Automatisierte Zuschnitt- und On-Demand-Kartonierung

Moderne Verpackungsmaschinen erzeugen Kartons exakt nach Produktabmessungen (“Box-on-Demand”). Sie schneiden und falten Kartonagen in Echtzeit, wodurch überdimensionierte Standardkartons entfallen. Die Integration in Fulfillment- und Lagerprozesse ermöglicht ein nahtloses Zusammenspiel mit ERP-Systemen, vorausgesetzt, diese verfügen über vollständige 3-D-Volumendaten aller Artikeln.

“Unternehmen betrachten Verpackungen nicht mehr isoliert”, erklärt Merle van der Ende, Business Development Managerin DACH bei Smurfit Westrock. “Sie suchen nach Lösungen, die ihre Nachhaltigkeitsziele unterstützen und gleichzeitig ihre betriebliche Leistungsfähigkeit verbessern.”

Herausforderungen und Risiken bei der Umsetzung

  • Hohe Investitionskosten und Platzbedarf: Box-on-Demand-Maschinen verlangen erhebliche finanzielle Aufwendungen und benötigen viel Raum – eine Hürde für kleine und mittelgroße Händler.
  • Erhöhtes Transportschadensrisiko: Zu enge Packungen können empfindliche Waren beschädigen, was zu Rücksendungen führt.
  • Komplexität der Stammdatenpflege: Die exakte Leerraum-Berechnung erfordert fehlerfreie 3-D-Volumendaten im Warenwirtschaftssystem, die nicht in allen ERP-Lösungen standardisiert sind.

Verbraucher-Erwartungen und Marktausrichtung

Kunden verlangen zunehmend nachhaltige, passgenaue Verpackungen ohne Einbußen beim Produktschutz. Das Auspackerlebnis bleibt wichtig, doch die Erwartung, dass Lieferungen kaum überflüssiges Material enthalten, steigt. Im Premium- und Luxussegment wird weiterhin Wert auf ein hochwertiges Marken-Packaging gelegt, das den Produktwert widerspiegelt.

“Viele Unternehmen betrachten nicht mehr nur einzelne Verpackungsformate, sondern analysieren ihre gesamten E-Commerce-Prozesse”, so van der Ende weiter. “Ein ganzheitlicher Ansatz eröffnet häufig Möglichkeiten, den Luftanteil zu reduzieren, Transportkosten zu senken, die Recyclingfähigkeit zu verbessern und messbare Umweltvorteile zu erzielen, ohne die Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen.”

Schnellüberblick:

Zählen Papierpolster oder Luftkissen nach der neuen EU-Verpackungsverordnung als ausgefüllter Raum?

Nein. Gemäß Artikel 24 der PPWR gelten Polstermaterialien wie Knüllpapier, Luftkissen oder Styroporchips rechtlich als Leerraum. Die 50-%-Grenze darf also nicht durch übermäßiges Ausstopfen überdimensionierter Kartons umgangen werden.

Wer trägt die rechtliche Verantwortung für die Einhaltung der PPWR-Leerraumquote?

Verantwortlich ist primär der Akteur, der die Transport- oder E-Commerce-Verpackung tatsächlich befüllt. Übernimmt ein Fulfillment-Dienstleister das Packen der Ware, liegt die Pflicht zur Konformität in der Regel bei diesem.

Welche Vorteile bieten passgenaue Kartons neben der Rechtskonformität?

Sie senken die Frachtkosten über das sogenannte Volumengewicht, ermöglichen mehr Pakete pro Lkw-Ladung und reduzieren sowohl den Materialverbrauch als auch den Entsorgungsaufwand für Kundinnen und Kunden.

Quellen

Von Michael Hartmann

Michael ist E-Business-Consultant mit Schwerpunkt digitale Transformation in mittelständischen Unternehmen. Er erklärt, wie klassische Firmen erfolgreich den Schritt ins Online-Geschäft schaffen und dabei Prozesse effizient digitalisieren.