Der Direktvertrieb an Endverbraucher (Direct-to-Consumer, D2C) gewinnt für Konsumgüterhersteller in der DACH-Region zunehmend an Bedeutung. Unternehmen wollen First-Party-Daten, höhere Margen und eine stärkere Markensteuerung erreichen, riskieren dabei jedoch Spannungen mit etablierten Fach- und Einzelhandelskanälen. Die vorliegende Analyse stützt sich ausschließlich auf die Ergebnisse einer aktuellen Studie von Techconsult im Auftrag von Sybit sowie ergänzende Daten von Simon-Kucher und dem Handelsverband Deutschland (HDE).

Strategische Bedeutung von Direct-to-Consumer für Konsumgüterhersteller

Die Befragung von 200 Unternehmen zeigt, dass 79 % den direkten Kundenzugang als strategisch bedeutsam einstufen. Für 71 % ist D2C nicht nur ein zusätzlicher Verkaufskanal, sondern ein integraler Bestandteil des Kundenerlebnisses. Dennoch ist die Umsetzung noch nicht flächendeckend: 35 % der Unternehmen haben D2C bereits fest in ihre Vertriebsarchitektur integriert, 39 % testen das Modell in Pilotprojekten und 19 % befinden sich noch in der reinen Evaluierungsphase.

„Direktvertrieb kann Spannungen mit dem Handel auslösen.“ – Studie Techconsult/Sybit, 2026

Zentrale Konfliktfelder zwischen Marken und Handel

  • Preis- und Margenfragen – 34 % der Befragten sehen dies als größten Reibungspunkt.
  • Unterschiedliche Promotionsansätze – 32 % nennen abweichende Preis- und Aktionsstrategien.
  • Zugriff auf Kundendaten und Customer Ownership – 31 % sorgen für Konflikte.
  • Abstimmungsprobleme zwischen Online- und stationärem Geschäft.

Der Konflikt entsteht vor allem, wenn Marken im eigenen Shop günstigere Preise anbieten oder exklusive Produkte vorhalten, weil Händler dadurch Umsatz- und Margenverluste befürchten.

Strukturelle und operative Hürden beim D2C-Ausbau

  • Datenschutz und Compliance – 60 % nennen dies als Haupthindernis.
  • Integration in bestehende Vertriebsstrukturen – 56 % sehen hier große Herausforderungen.
  • Fehlende Systemverknüpfungen (CRM, ERP, Commerce, Service) – 51 % berichten von organisatorischen und kompetenzbezogenen Defiziten.
  • Komplexe Logistik– und Retourenprozesse beim Kleinteilversand.

Verbraucherperspektive und Preisparadoxon im Direktkauf

Die Konsumentenbefragungen von Simon-Kucher (2025) verdeutlichen, dass Informations- und Kaufverhalten eng mit Preisempfindlichkeit verknüpft sind:

  • 43 % der Verbraucher recherchieren vor dem Kauf Produktinformationen direkt auf Hersteller-Websites (Home & Consumer Electronics).
  • Nur 17 % schließen den Kauf im Hersteller-Shop ab – der Rest kauft über Handel oder Marktplätze.
  • 35 % kaufen ausschließlich bei einem klaren Preisvorteil im D2C-Shop.
  • Nur 25 % sind bereit, für zusätzliche Service-, Liefer- oder Verfügbarkeitsvorteile mehr zu bezahlen.

Diese Zahlen erklären den ökonomischen Ursprung des Preis- und Margenkonflikts: Kunden nutzen D2C vor allem, wenn der Preis günstiger ist, was die Konkurrenz zum Handel verstärkt.

Gesamtwirtschaftlicher Kontext und Marktdynamik im Online-Handel

  • Online-Wachstumsrate FMCG in Deutschland: 10,4 % (2025, HDE).
  • Gesamter B2C-E-Commerce-Umsatz (netto) in Deutschland: 92,3 Mrd. € (2025, HDE), Wachstum um 3,9 % gegenüber dem Vorjahr.
  • Direktkäufe im Webshop oder in Marken-Apps (Home & Consumer Electronics): 17 % aller Käufe (2025, Simon-Kucher).
  • Kaufabschlüsse direkt bei der Marke inkl. Markenshops auf Online-Marktplätzen: 56 % aller Käufe (2025, Simon-Kucher).

Das Wachstum des D2C-Modells konzentriert sich besonders auf bislang schwächer digitalisierte Konsumgüterkategorien, während traditionelle Marktplätze weiterhin den größten Anteil des Online-Umsatzes ausmachen.

Risiken und mögliche Gegenmaßnahmen

  • Listungsverluste und Boykotte im stationären Handel: Aggressive Preisgestaltung oder exklusive Vorab-Launches können zu Flächenkürzungen oder Auslistungen führen.
  • Erosion der D2C-Marge durch steigende Customer-Acquisition-Costs (CAC): Hohe Ausgaben für Suchmaschinen- und Social-Media-Werbung können die Margenvorteile ausgleichen.
  • Logistik- und Retourenkomplexität: Hersteller, die traditionell auf Paletten- und Großhandelslogistik ausgerichtet sind, müssen teure Transformationen für B2C-Pakete und Rücksendungen vornehmen.

Ein gängiger Lösungsansatz ist das hybride Modell: Marken bieten im eigenen Webshop exklusive Bundles, personalisierte Varianten oder Ersatzteile zum UVP an und binden Handelspartner über Click-and-Collect, lokale Service-Gutscheine oder gemeinsame Marketingaktionen ein.

Künstliche Intelligenz als Hebel im D2C-Umfeld

  • Marketingautomatisierung – 45 % der Befragten sehen hier das größte Potenzial.
  • Prozessoptimierung im Vertrieb – 42 %.
  • Personalisierte Kundenerlebnisse und Datenanalyse – jeweils 39 %.

Der Einsatz von KI kann somit helfen, operative Hürden zu reduzieren und datenbasierte Entscheidungen schneller zu treffen.

Schnellüberblick:

Warum führt D2C häufig zu Spannungen zwischen Marken und Händlern?

Handelspartner fürchten Umsatz- und Margenverluste, wenn Marken ihre Produkte im eigenen Shop günstiger anbieten oder exklusive Sortimente zurückhalten. Zudem konkurrieren beide Seiten um dieselben First-Party-Kundendaten und die Deutungshoheit über die Kundenbeziehung.

Kaufen Konsumenten Produkte im D2C-Shop bevorzugt aus Markentreue?

Nur bedingt. Zwar nutzen viele Verbraucher Marken-Websites zur Recherche, mehr als ein Drittel schließt den Kauf dort jedoch nur ab, wenn ein konkreter Preisvorteil gegenüber Händlern vorliegt; lediglich 25 % akzeptieren höhere Preise für direkte Markenservices (Simon-Kucher 2025).

Welche Lösungsansätze mindern den Kanalkonflikt zwischen Herstellern und Retailern?

Hersteller setzen zunehmend auf hybride Modelle: Sie vertreiben im eigenen Webshop exklusive Bundles, personalisierte Varianten oder Ersatzteile zur UVP und binden Handelspartner über Click-and-Collect oder lokale Service-Gutscheine partnerschaftlich ein.

Quellen

Von Anna Weber

Anna ist Spezialistin für digitales Marketing und Markenaufbau im Online-Bereich. Sie beschäftigt sich intensiv mit Social Media Strategien, Content-Marketing und Influencer-Kooperationen. Ihre Beiträge helfen Unternehmen dabei, ihre Zielgruppe besser zu verstehen und nachhaltig zu wachsen.