Überfülltes Server-Rack in einem Datenzentrum mit vielen Kabeln und verstreuten Festplatten-Hüllen auf dem Boden.

Im Online-Handel führen fragmentierte Systemlandschaften und technische Schulden zu hohen Betriebskosten und langen Integrationszyklen. Jede zusätzliche Einzellösung – sei es ein PIM, DAM, Konfigurator oder eine Suche – erzeugt Wartungs-, Test- und Integrationsaufwände, die weit über den reinen Lizenzpreis hinausgehen. Diese Mehrkosten reduzieren die Agilität, verlangsamen die Markteinführung neuer Features und bremsen Innovationen wie Künstliche Intelligenz.

Das Phänomen “Composable Regret” und der Integrations-Overhead

Analystenhäuser wie Gartner warnen vor einer voreiligen Zersplitterung in Best-of-Breed- und Composable-Architekturen, wenn Unternehmen nicht über die nötige digitale Reife verfügen. Das Resultat: Unternehmen werden ungewollt zum Systemintegrator, wobei bis zu 85 % des Integrationsaufwands in das Verknüpfen und Warten von APIs fließen. 4 Ein Forrester-Report aus dem Jahr 2022 zeigt, dass 43 % der Unternehmen die tatsächlichen Gesamtkosten ihrer E-Commerce-Plattform unterschätzen.

  • Jedes Einzelsystem erhöht den Wartungs- und Testaufwand.
  • API-Pflege und Versionsmanagement kosten Zeit und Geld.
  • Komplexe Schnittstellenketten verzögern neue Features.

“Mehr Tools bedeuten nicht automatisch besseren Handel: Eine überladene E-Commerce-Architektur kostet Zeit, Geld und Tempo.” – Simon Rabente

Technische Schulden als Innovationsbremse (Tech Debt Drag)

Historisch gewachsene Architekturen akkumulieren technische Schulden, die einen erheblichen Teil des IT-Budgets binden. Laut einer McKinsey-Studie aus 2020 betragen technische Schulden 20-40 % des IT-Gesamtwerts. Gleichzeitig werden 10-20 % des Budgets, das eigentlich für Neuentwicklungen vorgesehen ist, zur Behebung von Altlasten umgeleitet.

  • Fragmentierte Datenmodelle erhöhen den Aufwand für Datenpflege.
  • Punkt-zu-Punkt-Schnittstellen erzeugen langwierige Fehlersuche.
  • Wartungsintensive Systeme blockieren Ressourcen für Innovationen.

Der dadurch entstehende “Tech Debt Drag” führt zu unscharfen Stunden für Wartung und Fehlerbehebung – ein quantifizierbarer Kostenfaktor, der in vielen Projekten übersehen wird.

Das Run-Grow-Transform-Dilemma in IT-Budgets

Gartner unterscheidet zwischen drei Budgetkategorien: “Run” (Betrieb), “Grow” (Wachstum) und “Transform” (strategische Neuerungen). In überkomplexen Handelsumgebungen verschiebt sich die Balance stark in Richtung “Run” – durchschnittlich 66 % der IT-Ausgaben fließen laut Gartner-Benchmark 2024 in die Aufrechterhaltung des Status quo.

  • Run-Kosten reduzieren verfügbare Mittel für Wachstum.
  • Weniger Budget für Transform-Initiativen hemmt strategische Innovation.
  • Komplexität verstärkt den Aufwand für Änderungen (Total Cost of Change).

Der Begriff “Total Cost of Change” (TCOC) ergänzt das klassische “Total Cost of Ownership” (TCO), indem er den Zeit-, Test- und Personalaufwand misst, der entsteht, wenn Prozesse modifiziert oder neue Touchpoints angebunden werden.

Praxisbeispiel: Von der Gewachsenen Komplexität zur schlanken Architektur

Ein Handelskunde hatte ein historisch gewachsenes System mit einer separaten Middleware, unklaren Verantwortlichkeiten zwischen PIM und ERP sowie einer nicht integrierten Suchlösung. Statt weitere Einzelsysteme zu ergänzen, wurden die Grundlagen neu strukturiert: Das Shop-System wurde sauber aufgesetzt, das Datenmodell vereinheitlicht und Suche, Produktempfehlungen sowie Personalisierung in einer gemeinsamen Lösung gebündelt. Das Ergebnis: gesteigerte Effizienz im Shop-Management und deutlich verbesserte KPI-Werte. Der entscheidende Hebel war nicht die Tool-Anzahl, sondern ihr Zusammenspiel.

Schnellüberblick:

Was unterscheidet “Total Cost of Ownership” (TCO) von der “Total Cost of Change” (TCOC)?

Die TCO betrachtet Anschaffungs-, Hosting- und Grundbetriebskosten über den Lebenszyklus. Die TCOC bemisst den Zeit-, Test- und Personalaufwand, der anfällt, wenn Geschäftsprozesse modifiziert oder neue Touchpoints und Features angebunden werden müssen.

Warum führt der “Best-of-Breed”-Ansatz in der Praxis oft zu Mehrkosten?

Weil spezialisierte Einzellösungen miteinander kommunizieren müssen; jede API-Schnittstelle erfordert kontinuierliches Monitoring, Versionsanpassungen bei Updates und ein klares Daten-Owner-Modell zwischen PIM, ERP und Shop.

Wie vermeidet man “Composable Regret”?

Indem modulare Architekturen schrittweise und bedarfsorientiert eingeführt werden, statt dogmatisch jede Einzelfunktion durch einen separaten Drittanbieter abzubilden, bevor interne Integrations- und Entwicklungsstandards etabliert sind.

Quellen

Von Michael Hartmann

Michael ist E-Business-Consultant mit Schwerpunkt digitale Transformation in mittelständischen Unternehmen. Er erklärt, wie klassische Firmen erfolgreich den Schritt ins Online-Geschäft schaffen und dabei Prozesse effizient digitalisieren.