Ein moderner Amazon-Logistiklager mit hohen Regalen voller Paletten, einem beleuchteten Server-Rack und einem roten

Amazon setzt KI ein: Das Atlas Labor Score Model und seine Risikoskala für Gewerkschaftsaktivitäten

Im Zuge eines Rechtsstreits zwischen Amazon und der kanadischen Gewerkschaft Unifor vor dem British Columbia Labour Relations Board wurden interne Schulungsunterlagen veröffentlicht, die das KI-gestützte “Atlas Labor Score Model” offenbaren. Das System bewertet Logistikstandorte in den USA, Kanada und Großbritannien nach dem Risiko gewerkschaftlicher Aktivitäten. Durch die Vorhersage potenzieller Arbeitskämpfe soll Amazon proaktiv Ressourcen einsetzen – ein Ansatz, der sowohl betriebswirtschaftliche als auch arbeits- und datenschutzrechtliche Fragen aufwirft.

Fünfstufiges Risikomodell für Standorte

Das Modell ordnet Standorte auf einer Skala von fünf (keine erkennbare gewerkschaftliche Aktivität) bis eins (eine Gewerkschaftswahl steht unmittelbar bevor) ein. Parallel dazu wird ein interner Punkten-Score von 100 bis 900 verwendet, wobei ein niedrigerer Wert ein höheres Risiko signalisiert. Die nun publik gewordenen Unterlagen stammen aus einem Verfahren vor dem British Columbia Labour Relations Board im Rechtsstreit zwischen Amazon und der kanadischen Gewerkschaft Unifor (Rosenblum 2026). Aus den Trainingsunterlagen geht hervor, dass das Atlas-Modell Standorte auf einer Skala von 100 bis 900 Punkten einstuft, wobei ein niedrigerer Wert ein höheres gewerkschaftliches Risiko anzeigt (Breese 2026). Insgesamt wurden in den Dokumenten 16 Verteilzentren in den USA, Kanada und Großbritannien der höchsten Risikostufe eins zugeordnet. Darunter befinden sich unter anderem die britischen Logistikzentren BHX4 in Coventry und EMA4 in Minworth, an denen es bereits in der Vergangenheit zu Streiks kam (Computer Weekly 2026). Die Einstufung dient intern als Hebel für operative Personalentscheidungen und eine gezielte Ressourcenallokation vor Ort.

Wie funktioniert die Punkte-Skala von 100 bis 900?

Ein niedriger Score (nahe 100) bedeutet, dass das System ein hohes Streik- oder Organisierungsrisiko erkennt. Höhere Werte (bis 900) gelten intern als stabile Standorte, bei denen keine unmittelbare Gefahr von gewerkschaftlichen Aktivitäten gesehen wird. Die Schwelle für den Einsatz eines Rapid-Response-Teams liegt bei Stufe 1, woraufhin innerhalb von 24 Stunden ein Employee-Relations-Team vor Ort aktiv wird.

Datenbasis des Atlas-Modells – hunderte Einflussfaktoren

Das System greift auf ein breites Spektrum an internen und externen Daten zurück. Ziel ist es, ein möglichst genaues Bild der Stimmung und möglicher Konfliktindikatoren zu erhalten.

  • Interne Mitarbeiter-Pulse-Umfragen
  • Fluktuationsraten und Beschäftigtendauer
  • Beschwerden und Notizen von Vorgesetzten
  • Arbeitsunfälle und First-Aid-Vorfälle
  • Regionale Mindestlöhne
  • Innen- und Außentemperaturen der Lagerhallen
  • Öffentliche Beiträge in Online-Communities (z. B. Reddit) inklusive Up-Votes

Die KI verarbeitet “Hunderte Datenpunkte” und kombiniert dabei betriebsinterne Kennzahlen mit externen Faktoren wie Reddit-Scraping und Umweltbedingungen (Breese 2026). Durch diese Vielschichtigkeit entsteht ein umfassendes “Predictive Tracking”, das bereits subtile Änderungen im Mitarbeitenden-Sentiment erfassen kann.

Dokumentierte Tier-1-Standorte und ihre Bedeutung

Nach den freigegebenen Unterlagen gibt es 16 Standorte in Nordamerika und Großbritannien, die als Tier-1 (höchste Risikokategorie) eingestuft wurden. In Großbritannien zählen dabei zwei Zentren zu dieser Gruppe:

  • BHX4 – Coventry
  • EMA4 – Minworth (Sutton Coldfield)

Diese beiden Standorte wurden von der britischen Gewerkschaft GMB besonders kritisiert, da sie als Beispiel für eine “orwellsche Überwachung” genannt wurden.

Reaktion von Gewerkschaften und rechtliche Kritik

Die britische Gewerkschaft GMB beurteilt das System als “orwellsche Überwachung” und fordert eine Prüfung möglicher Verstöße gegen Arbeitnehmer- und Datenschutzrechte. Ein Sprecher der GMB sagte: “Der Einsatz von KI, um das Risiko von Gewerkschaftsbildung vorherzusagen, greift tief in das Recht auf kollektive Organisierung ein.”

Amazon selbst betont, dass das Modell lediglich aggregierte Standorttrends analysiere und keine einzelnen Beschäftigten überwache. Das Unternehmen erklärt: “Wir bewerten Standorte und Trends, nicht Personen.” Arbeitsrechtler warnen jedoch, dass die daraus resultierenden Maßnahmen – insbesondere das schnelle Eingreifen von Rapid-Response-Teams – direkten Druck auf einzelne Mitarbeitende ausüben können. Zudem wirft das automatisierte Verarbeiten von Social-Media-Inhalten und Umfragedaten Fragen nach der Vereinbarkeit mit der DSGVO und dem UK-GDPR auf.

Schnellüberblick:

Aus welchem konkreten Rechtsstreit stammen die enthüllten Dokumente?

Die Dokumente wurden im Rahmen eines Verfahrens vor dem British Columbia Labour Relations Board zwischen Amazon und der kanadischen Gewerkschaft Unifor offengelegt.

Welche Daten nutzt Atlas über interne Feedback-Umfragen hinaus?

Das Modell erfasst unter anderem öffentliche Beiträge auf Plattformen wie Reddit samt Interaktionen, Arbeitsunfälle, Fluktuationsraten, regionale Mindestlöhne sowie Gebäude- und Außentemperaturen.

Welche Standorte wurden konkret als höchste Risikostufe eingestuft?

In den Dokumenten wurden 16 Standorte in Nordamerika und Großbritannien als Tier-1 geführt, darunter die britischen Logistikzentren BHX4 in Coventry und EMA4 in Minworth.

Quellen

Von Melanie Brandt

Melanie ist Content- und SEO-Spezialistin im E-Commerce. Sie zeigt, wie durch gezielte Inhalte und Keyword-Strategien nachhaltiger organischer Traffic aufgebaut werden kann.