Der deutsche Onlinehandel sieht sich einer beispiellosen Betrugswelle gegenüber. Während die Gesamtquote betrügerischer Transaktionen im Zahlungsverkehr laut Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) im Jahr 2026 unter einem Promille liegt, verursachen einzelne Angriffe enorme finanzielle Schäden. Händler verlieren nicht nur Margen, sondern riskieren auch ihre Reputation, wenn überzogene Sicherheitsmaßnahmen ehrliche Kunden abschrecken.
Das Ausmaß der Betrugswelle im deutschen Onlinehandel
Eine aktuelle Studie von bevh und CRIF zeigt, dass 93 % der Onlineshops in Deutschland bereits von Betrug oder Betrugsversuchen betroffen sind. Fast die Hälfte der befragten Unternehmen (48 %) berichtet von einem Anstieg der Betrugsrisiken im Vergleich zum Vorjahr, während lediglich 15 % einen Rückgang verzeichnen.
- 93 % der Shops betroffen (2026, Quelle S1)
- 15 % der Händler erleiden jährliche Verluste über 100 000 € (2026, Quelle S1)
- 9 % der Händler verzeichnen Einzelschäden über 10 000 € (2025, CRIF-Erhebung)
Identitätsdiebstahl und Account Takeover: Die dominierenden Schadensquellen
Identitätsbetrug macht mit 75 % aller Nennungen die größte Gefahr aus. Kriminelle manipulieren Namens- und Adressdaten (67 %) oder kreieren komplett falsche Identitäten (55 %). Der Account Takeover, bei dem fremde Kundenkonten übernommen werden, betrifft 56 % der befragten Händler.
- Identitätsbetrug: 75 % aller Nennungen
- Namens-/Adressmanipulation: 67 %
- Falsche Identitäten: 55 %
- Account Takeover: 56 %
Neue Betrugsmaschen: Switch-Fraud und Return-Fraud
Zusätzlich zu klassischen Methoden gewinnen neuere Techniken an Bedeutung. Beim Switch-Fraud (42 %) wird der bestellte Artikel durch ein defektes, gebrauchtes oder gefälschtes Produkt ersetzt. Beim Return-Fraud (47 %) senden Betrüger leere Pakete oder wertloses Füllmaterial zurück, um eine Erstattung zu erzwingen.
- Switch-Fraud: 42 % der Nennungen
- Return-Fraud: 47 % der Nennungen
KI-Agenten und Agentic Commerce: Neue Risiken im Einkauf
Der Aufstieg von Agentic Commerce – autonome KI-Assistenten, die im Namen von Verbrauchern Einkäufe tätigen – eröffnet Kriminellen neue Angriffsflächen. Wie Dr. Frank Schlein, Geschäftsführer von Crif Deutschland, betont: „Die Frage, wie man Vertrauen und Identität in einer Welt automatisierter Einkäufe prüft, wird zur zentralen Herausforderung der kommenden Jahre werden.“Händler müssen legitime KI-Agenten von bösartigen Bots unterscheiden, die gestohlene Zahlungsdaten automatisiert einsetzen.
Kollateralschaden durch überzogene Betrugsabwehr – False Declines
Im Bestreben, Kriminelle abzuwehren, verschärfen viele Shops ihre Risikofilter. Das führt zu sogenannten False Declines: legitime Kund*innen werden fälschlicherweise abgewiesen. Laut dem ECC Köln B2BEST-Barometer sind 64 % der B2B-Händler von Betrugsversuchen betroffen, und 25 % der Konsument*innen haben persönliche Betrugserfahrungen beim Onlineshopping gemacht. Branchenanalysten schätzen, dass die Umsatzeinbußen durch unberechtigte Kaufabbrüche häufig höher sind als die direkten Betrugsverluste.
„Unberechtigte Kaufabbrüche können den Umsatz stärker schmälern als der eigentliche Betrug“,so ein Analyst des ECC Köln.
Bis zu 100.000 Euro Schaden pro Jahr
Die finanziellen Folgen dieser Betrugsversuche sind für viele Unternehmen erheblich: 15 % der Befragten, also etwa jeder siebte Shop, verzeichnen jährliche Betrugsverluste von über 100 000 Euro. Bei Einzelbestellungen berichten 32 % von Schäden über 2 500 Euro pro Fall.
Der Balanceakt: Sicherheit ohne Kundenfrust
Bereits 75 % der Unternehmen setzen auf aktive Betrugserkennung, meist als Kombination aus manuellen und automatisierten Verfahren. Der größte Erfolgsfaktor liegt in der richtigen Balance: Zu strenge Identitäts- und Bonitätsprüfungen erhöhen die Abbruchquoten im Warenkorb und können langfristig mehr Schaden anrichten als der eigentliche Betrug.
Einbettung in die Cyber-Crime-Gesamtlage in Deutschland
Der E-Commerce-Betrug ist Teil eines breiteren Trends professioneller Internetkriminalität. Das Bundeskriminalamt (BKA) registrierte 2025 insgesamt 333 922 Cyber-Crime-Fälle, von denen 62 % (207 888 Fälle) aus dem Ausland gesteuert wurden. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Händler nicht isoliert, sondern im Kontext international organisierter Banden agieren.
- Registrierte Cyber-Crime-Fälle 2025: 333 922 (BKA, Quelle S2)
- Auslandstaten: 62 % der Fälle
Schnellüberblick:
Was bedeutet ‚Agentic Commerce‘ für die Betrugserkennung?
Beim Agentic Commerce lösen autonome KI-Assistenten im Auftrag von Nutzern Einkäufe aus. Händler stehen vor der Herausforderung, verifizierte KI-Agenten von bösartigen Bots zu unterscheiden, die gestohlene Zahlungsdaten automatisiert einsetzen.
Was unterscheidet ‚Return Fraud‘ von ‚Switch Fraud‘?
Beim Return Fraud senden Betrüger leere Pakete oder wertlose Füllmaterialien zurück, um eine Erstattung zu erschleichen. Beim Switch Fraud wird der bestellte Originalartikel durch eine defekte, gebrauchte oder gefälschte Ware ersetzt.
Warum greifen Täter vermehrt auf synthetische Identitäten zurück?
Kriminelle kombinieren echte Daten (etwa reale Adressen) mit fingierten Namen oder gestohlenen Geburtsdaten. Da kein einzelnes reales Opfer sofort Alarm schlägt, fallen solche Identitäten bei einfachen Abgleichen selten sofort auf.
Quellen
- https://www.presseportal.de/pm/53549/6122247
- https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/Cybercrime/cybercrimenode.html
- https://www.ihk.de/nordwestfalen

